Der Schatz zu Reichenfels

Ruine von Reichenfels
Beim Bauern vulgo Baumgartner, aus Langegg, war einst ein Knecht, der eines Tages, als alle Hausleute zur Kirche gegangen waren, zu Hause über die Wiesen und Felder wanderte und davon träumte, selbst Bauer zu sein. Unbemerkt war er dabei zur Ruine Reichenfels gekommen. Eine Stimme riss den Knecht aus seiner Versunkenheit. Erschrocken sah er sich um und erblickte ein kleines Männlein. Seine Äuglein sahen treuherzig auf den Knecht und plötzlich begann er zu reden: Du kannst dein Glück machen, wenn du vernünftig bist. Geh in den Keller der Ruine, dort wirst du eine Kiste mit Gold finden. Darauf sitzt ein Hund. Der Schatz gehört dir, wenn du beim Fortgehen, bis du den Gang erreicht hast, kein Wort sprichst. Noch ehe der Knecht das Gesagte so recht begriffen hatte, war das Männlein wieder verschwunden. Er überlegte nicht lange und suchte den Zugang zum Keller. Da entdeckte er eine Eisentür, welche er noch nie zuvor gesehen hatte. Er öffnete sie, stieg die dahinter liegende Treppe hinunter und sah tatsächlich eine Kiste, auf der ein großer Hund saß. Überglücklich wähnte sich der Knecht schon im Besitz des Schatzes. Aus seiner Tasche zog er ein Stück Brot, das er zufällig eingesteckt hatte und warf es dem Hund hin. Den Augenblick, als das Tier den Bissen gierig verschlang, benützte der Knecht die Gelegenheit, hob die Kiste auf und schleppte sie zur Treppe. Auf der letzten Stufe wähnte er sich schon im Besitz des Schatzes, vergaß er die Warnung des Zwerges und sprach zu sich: Mir g’hörts. Im selben Augenblick rutschte ihm die schwere Eisenkiste aus den Armen, polterte über die Stiege hinab. Kreischend schlug die Eisentüre, wie von Geisterhand geführt, zu. Nachdem er sich vom ersten Schreck erholt hatte, ging er noch einmal in den Keller. Aber so viel er auch suchte, es war nicht die geringste Spur von der Kiste oder vom Hund zu finden. Als er den Bauersleuten von seinem Erlebnis erzählte, durchsuchten auch sie die Ruine. Aber auch sie fanden weder Hund noch Schatz. Er wartet noch immer darauf, dass er gehoben wird.